Wir verlassen Brașov bei bewölktem, aber trockenem Wetter. Ein Stunde später landen wir in Sinaia mitten in einer Sintflut. In der „Perle der Karpaten“ regnet es in Strömen und ohne Unterlass. Die kleine Stadt versinkt förmlich. Auf den gepflasterten Straßen bilden sich Bäche und kleine Seen, der Fluss Prahova tost mit reißenden Fluten neben der Bahnlinie. Von der Schönheit der Stadt mit den umliegenden Bergen und Skihängen werden wir erst am nächsten Morgen einen kurzen Blick erhaschen können und sind froh, ein Hotel mit Restaurant gebucht zu haben. Das Abendessen erreichen wir von unserem Zimmer aus trockenen Fußes. Ein kleines Glück!

Glanz und Gloria der rumänischen Monarchie

Bevor wir uns jedoch bei deftiger rumänischer Küche und Bier niederlassen, steht ein Besuch der wichtigsten Attraktionen von Sinaia an: die beiden Schlösser Peleș und Pelișor. Ersteres wurde von 1873 bis 1883 für den 1839 in Sigmaringen geborenen Hohenzollern-Fürsten und späteren König von Rumänien Carol I. (Karl Eitel Friedrich Zephyrinus Ludwig von Hohenzollern-Sigmaringen) erbaut und diente bis zu seinem Tod im Jahr 1914 als seine persönliche Sommerresidenz.

Bereits von außen wirkt Schloss Peleș mit seiner Lage, der verspielten Bauweise und den vielen Erkern, Türmchen, Terassen und Balkonen gewaltig und prunkvoll. Doch die gesamte Pracht des Gebäudes tritt erst beim Betreten der Haupthalle und den Gang durch die unzähligen Räume und Flure mit ihrer überbordenden Inneneinrichtung zu Tage: wunderschöne Vertäfelungen, Türbögen, Treppen und Brüstungen aus dunklen Hölzern, filigrane Glasmalereien, Marmor, Samt, Teppiche und Kristall im Überfluss, exklusive Möbel, Lampen, Vasen und Gegenstände aus aller Welt, Wandgemälde von Gustav Klimt und eine Rüstkammer, die an Exklusivität mit den Waffensammlungen großer Museen mithalten kann. Gebannt von so viel Edlem wandeln wir durch das Erdgeschoss sowie die Privatgemächer im ersten Stock und staunen vor uns hin. Wie immer man zu so viel Luxus steht: Glanzvoll ist es allemal.

Knapp 300 Meter seitlich neben Schloss Peleș steht das deutlich kleinere Schloss Pelișor, das Carol I. um die Jahrhundertwende für seinen Neffen und Thronfolger Ferdinand I. und dessen Frau erbauen ließ. Als eine Art kleine Kopie und in weitaus weniger repräsentativer Lage errichtet, wird der markanteste Unterschied zum überladenen Peleș beim Gang durch die Innenräume deutlich: Helleres Holz und mehr freie Wandflächen tragen zu einem nüchterner wirkenden Gesamtbild bei. Die Auswahl der Möbel und die thematische Ausrichtung der Zimmer wirken moderner, sachlicher und schlichter (wohlgemerkt: im Vergleich zu Schloss Peleș und selbstverständlich nicht im Vergleich zu unserer eigenen Wohnung 🙂 ). Ein guter Kontrast zum großen Schloss nebenan und eigentlich ein Pflichtbesuch, wenn man eh schon auf dem Gelände ist. Was allerdings viele Besucher:innen nicht so sehen und Pelișor beim Weg zurück zum Parkplatz rechts liegen lassen. Schade eigentlich.

In der großen, hässlichen Hauptstadt

Ok, das ist jetzt schon ein hartes Urteil. Aber wir wurden im Vorfeld nicht zu Unrecht gewarnt: Bukarest ist tatsächlich keine schöne Stadt. Das sehen wir schon bei der Anfahrt auf den Bahnhof București Nord, vorbei an heruntergekommenen Dörfern, Vorstadtsiedlungen und Industrieanlagen. Ständig im Blick: wild in der Landschaft verteilter Müll und weithin sichtbarer Zerfall. Das sehen wir auch in der Gegend rund um den Gara de Nord, wo sich unser Hotel befindet. Und noch einmal am nächsten Morgen, als wir mit dem Zug durch die Walachei in Richtung Bulgarien fahren. Bonjour Tristesse.

Auch beim Spaziergang durch die Altstadt werden wir nicht so richtig warm mit der rumänischen Hauptstadt. Manches ist hübsch hergerichtet und wir sehen einladende Cafés, Restaurants, Läden und institutionelle Gebäude. Doch an vielen Ecken ist es auch hier grau und trist. Zwischen den Gebäuden klaffen Brachen und insgesamt dominiert der Charme eines billigen Amüsier- und Ausgehviertels. An einem Samstagabend würden wir uns hier wohl eher nicht wohlfühlen.

Ein Schmuckstück entdecken wir dann doch noch in der Altstadt. Inmitten langgezogener Stadtfassaden und eingequetscht zwischen staatlichen Behörden und dem Nationalmuseum steht das fast 300 Jahre alte orthodoxe Kloster Stavropoleos. Ein echtes Kleinod und eines der wichtigsten Architekturdenkmäler in der Hauptstadt.

Stein gewordener Wahnsinn einer kommunistischen Diktatur

Auch in einem anderen Teil der Stadt ist Bukarest hässlich: Im kommunistischen Zentrum der Metropole rund um den gigantischen Parlamentspalast. Über 50.000 Familien wurden zwangsumgesiedelt und unzählige Kirchen und Synagogen abgerissen, um Platz zu schaffen für die krankhafte Allmachtsfantasie von Nicolae Ceaușescu, einem der schlimmsten Diktatoren in Europa nach dem Ende des zweiten Weltkriegs. Der das monströse Zentrum seines in Stahl, Stein und Beton geplanten Herrschaftsviertels in größtmöglicher Verachtung tatsächlich „Haus des Volkes“ nannte. Dessen Fertigstellung er nach der erfolgreichen rumänischen Revolution im Dezember 1989 allerdings nicht mehr miterleben durfte.

Je nachdem, wo man sich informiert, ist das Gebäude wahlweise das schwerste oder das zweitgrößte Gebäude der Welt. Oder beides gleichzeitig. Mehr als 5.000 Räume verteilen sich über 65.000 Quadratmeter, zwölf Stockwerke und eine Höhe von 84 Metern, wobei besonders die repräsentativen Säle und Konferenzräume mit hemmungslosem Geprotze herausstechen. Das ist auch der Teil des mittlerweile vom rumänischen Parlament genutzten Gebäudes, den wir bei unserer Führung gezeigt und erläutert bekommen. Wir sehen die gigantischen Treppen, die der Diktator und seine nicht minder wahnsinnige Gattin bei Empfängen und Staatsbesuchen herunterschreiten wollten. Den Ballsaal mit 2.200 Quadratmetern Fläche. Die tonnenschweren Kronleuchter. Und all den anderen Irrsinn, den sich Nicolae Ceaușescu und seine Frau Elena für die Maximierung des um sie betriebenen Personenkultes ausgedacht haben. Bei unserer einstündigen Führung sehen wir gerade einmal 2% der gesamten Fläche. Wir könnten hier tagelang herumlaufen und würden immer noch Neues entdecken. Wobei wir dann auch genug gesehen haben, noch mehr kommunistischen Größenwahn ertragen wir heute nicht.

Am Ende ist dieser gigantische Klotz ein Zeugnis dafür, wohin totalitäre und diktatorische Systeme führen können. Das brutale Bauwerk steht sinnbildlich für die Menschenfeindlichkeit, die solchen Regimen innewohnt, für die Tyrannei des Systems über die Menschen und für die Verachtung des Individuums. Ein Mahnmal wider Willen.

2 Kommentare

  1. Freut mich, dass ihr es noch ins Kloster geschafft habt. Im Sommer 2007 habe ich es an Wochenenenden genossen den ein oder anderen Augenblick die Ruhe zu genießen, in mich zu gehen und vor allen Dingen der unerträglichen Hitze dieses Molochs im Sommer zu entgehen.
    Hoffentlich war Caru cu Bere keine Enttäuschung.

    Liebe Grüße Alfred

    1. Hallo Alfred, für uns war das Kloster eher ein Ort zum aufwärmen. Es war doch recht kalt und zugig in Bukarest. Im Caru cu Bere haben wir gut gespeist, allerdings müssen wir ehrlich gestehen, dass deren Mici nicht an die vom Imbiss in Hermannstadt rankommen. Das war schon ein absoluter Spitzentipp. In Sachen Service waren sie leider auch nicht die schnellsten. Die Köbes im Früh kommen schneller mit frischem Bier ums Eck 🙂 Interessanterweise hat mich das Caru cu Bere auch an das Früh erinnert, wieso kann ich dir allerdings nicht sagen. Vermutlich wegen des rustikalen Charmes. LG

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